Univ.-Prof. Dr. Dorothee Alfermann (Leipzig)

Die Zukunft der Sportpsychologie liegt in der Berücksichtigung von Diversität und Vielfalt der Menschen!

Im Themenheft der Zeitschrift für Sportpsychologie (2019, Bd. 26, Heft 2) anlässlich 50 Jahre asp in Deutschland finden sich auf 50 Seiten drei Überblicksarbeiten zu den Schwerpunkten Leistungssport, Gesundheitssport und Motorische Verhaltensforschung. Fast zeitgleich erschien ein Themenheft der Zeitschrift Psychology of Sport and Exercise (2019, Bd. 42) anlässlich 50 Jahre FEPSAC, in dem auf 158 Seiten insgesamt 17 Überblicksarbeiten vorgestellt werden. Alle 20 Arbeiten stellen zusammen betrachtet eine große thematische Vielfalt der sportpsychologischen Forschung dar. Sie wollen zudem dezidiert auch auf zukünftige Entwicklungen (z. B. Martin Hagger: „agenda for future research“) hinweisen. Umso mehr überrascht, dass sich nur selten Hinweise auf Diversität finden, wie beispielsweise auf mögliche interindividuelle Unterschiede in Erleben und Verhalten je nach Lebensaltersperiode, Kultur oder Geschlecht. Insgesamt wird das Gender-Thema in lediglich drei der 20 Beiträge behandelt (Sabiston et al.; Schinke et al.; Stambulova & Wylleman), und Kultur in lediglich zwei (Schinke et al.; Stambulova & Wylleman).
In Form eines Position Statements soll im vorliegenden Beitrag demgegenüber auf die Bedeutung von Geschlecht und Kultur für Wissenschaft und Praxis der Sportpsychologie als eine wichtige Zukunftsaufgabe aufmerksam gemacht werden. Dazu zählt insbesondere die Geschlechtsidentität, die biologisch nicht immer eindeutig bestimmbar ist und psychologisch sowieso variiert. Hinzu treten weitere Gruppenzugehörigkeiten, wie etwa Kultur, Alter oder Sportart – kurz Intersektionalität – die alle die Identität sowie Einstellungen und Verhalten bei Sport und Bewegung beeinflussen, wie z. B. die Attraktivität und Bewertung von Sport und Sportarten. Ein positives Körperbild bedeutet für Frauen eher Schlankheit und Schönheit, für Männer eher Muskulatur und Größe, was ihre Anerkennung und ihre Motivation beeinflusst, auch im Sport. Die Anerkennung äußert sich bspw. im Einkommen (in der Forbes-Liste der 100 bestbezahlten Sportlerinnen und Sportler befinden sich jährlich 97 bis 99 Männer) und in der Bereitschaft von Sponsoren zur Finanzierung von Events und Teams. In der Sportberichterstattung werden Frauen teils marginalisiert, teils sexualisiert. Homosexuelle Männer werden teils tabuisiert, teils diskriminiert. In dem Position Statement werden Erkenntnisse aus der psychologischen Geschlechterforschung und der kulturvergleichenden Forschung vorgestellt, die für die Sportpsychologie von Bedeutung sein sollten, verbunden mit Vorschlägen für zukünftige Forschungsansätze und Forschungsberichterstattung.
Insgesamt erscheint es notwendig und wünschenswert, geschlechtliche, Lebensaltersbezogene und kulturelle Diversität in sportpsychologischer empirischer Forschung und in der forschungsbasierten Praxis auch im deutschsprachigen Raum stärker als bisher herauszustellen. In der Forschung muss sich dies in den Fragestellungen, den Stichproben und den methodischen Ansätzen zeigen. In der sportpsychologischen Praxis bedeutet es sowohl eine Sensibilisierung im Hinblick auf (häufig unbewusste) stereotype Überzeugungen, Vorurteile und Mikroaggressionen (wie z. B. Inferiorisierung), wie auch ein Training zur Minimierung derselben. Dies alles summiert sich zu einer wichtigen Zukunftsaufgabe der Sportpsychologie!

 

 

Curriculum Vitae

  • Studium der Psychologie an der Universität Bonn 1967-1971
  • Promotion in Psychologie 1974, Universität Bonn
  • Wiss. Mitarbeiterin Pädagogische Hochschule Aachen 1973 – 1979
  • Professorin (C3) Sportpsychologie Universität Gießen 1979 – 1994
  • Seit 1994 Professorin (C4) für Sportpsychologie Universität Leipzig (Pensionierung 2016)
  • 1993 bis 1997 Vorsitzende der asp
  • 1993 und 1996 Gastprofessorin zur Psychologie der Geschlechterunter-schiede am Psychologischen Institut der Universität Innsbruck
  • 2001 - 2005 Direktorin des Zentrums für Frauen- und Geschlechter-forschung der Universität Leipzig
  • 2001 bis 2005 Vizepräsidentin der International Society of Sport Psychology – ISSP
  • 2004 – 2011 Co-Editor-in-Chief von „Psychology of Sport and Exercise“
  • 2009 – 2013 Präsidentin der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft
  • 2015 Ema Geron Award der European Association of Sport and Exercise Psychology

Forschungsthemen unter anderem:

  • Sport, Bewegung und Gesundheit
  • Karrieren im Leistungssport
  • Geschlechtsrollenselbstkonzept
  • Karriereentwicklung von Ärztinnen und Ärzten unter Geschlechtervergleichender Perspektive