Univ.-Prof. Dr. Jürgen Beckmann (TU München)

Zukünftige Aufgaben und Entwicklungen der Sportpsychologie im Leistungssport

Über viele Jahre hat sich die Sportpsychologie stetig positiv entwickelt: die Akzeptanz in den Sportverbänden und der Gesellschaft stieg, wirksame Interventionen zur Leistungsoptimierung und –stabilisierung wurden entwickelt und die Sportpsychologie wurde mit Professuren in der universitären Sportwissenschaft fest etabliert. Nun steht sie vor neuen Herausforderungen. Dies betrifft zum einen die Entwicklungen in der wissenschaftlichen Landschaft, zum zweiten die neuen Herausforderungen im Leistungssport selbst und zum dritten politische Steuerungskräfte. Dies fordert neue Strategien, da ansonsten nicht nur die weitere positive Entwicklung der Sportpsychologie, sondern sogar deren Fortbestand in Frage gestellt werden könnte. Diese Bedrohungen entstammen der Entwicklung von Disziplinen, die sportpsychologische Aufgaben übernehmen könnten, wie beispielsweise den Neurowissenschaften oder der Künstlichen Intelligenz. Auch populistische Tendenzen in der Politik beeinträchtigen die Förderung sportpsychologischer Forschung und Betreuung. Im akademischen Kontext können wir mit den Kennzahlen (die sog. Metrics) unseres Faches nicht mit anderen Fächern mithalten. Wir erreichen in der Regel nicht die Drittmittelzahlen, Zeitschriftenimpactfaktoren und Zitationszahlen anderer Wissenschaftsdisziplinen. Da dies die Währung ist, die an Universitäten vielfach zählt überlegen Hochschulleitungen sportpsychologische Professuren durch solche zu ersetzen, die bessere Kennzahlen versprechen. Kollegen in unserem Fach müssen im Sinne der eigenen Karriere erwägen, ob sie klassische sportpsychologische Themen nicht über Bord werfen und sich solchen verschreiben, die bessere Kennzahlen versprechen. Dies, obwohl im Leistungssport zahlreiche, gesellschaftlich höchst relevante Aufgaben für die Sportpsychologie anstehen. Vor dem Hintergrund der steigenden bio-psycho-sozialen Belastungen im Nachwuchs- und Spitzensport rücken Themen der psychischen Gesundheit und klinische Fragestellungen in den Blick. Stress, Ängste, Doping, Dropout, Sucht- und Suizidgefährdung fordern Forschung und angewandte Sportpsychologie heraus. Diese Probleme bestehen nicht nur im Hochleistungssport, sondern sind in besonderem Maße im Nachwuchsleistungssport zu finden. Verschiedene Ansätze für kind- und jugendgerechtere Trainingsmodelle wurden bereits vorgelegt. Für eine effektive Prävention gesundheitlicher Probleme und eine nachhaltige Entwicklung von Athlet/innen sind ganzheitliche Modelle zur Persönlichkeitsentwicklung im Sinne eines Lifecoaching zu entwickeln, die eine angemessene Belastungssteuerung beinhalten. Solche Ansätze liegen auf der Linie der sogenannten positiven Psychologie, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Mutterwissenschaft positioniert hat. Ist dieser Ansatz kompatibel mit einem Leistungssport, der auf immer höhere Effizienz setzt und die Athlet/innen zum Teil über deren Grenzen hinaus belastet? Eine Zukunftsaufgabe der Sportpsychologie ist aber sicherlich auch, ethisch verantwortungsvolle Wege im Leistungssport und insbesondere im Nachwuchsleistungssport aufzuzeigen.

 

 

Curriculum Vitae

Prof. Dr. Jürgen Beckmann ist Lehrstuhlinhaber für Sportpsychologie an der Technischen Universität München, Honorarprofessor an der School of Human Movement and Nutrition Science der University of Queensland. Arbeitsbereiche Motivation und Selbstregulation, klinische Sportpsychologie, sportpsychologische Praxis. Mehr als 180 Veröffentlichungen, die über 5000 mal zitiert wurden. 1998 bis 2009 Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp), 2005 -2009 deren Präsident. 1987 bis 2000 Mitglied im Herausgebergremium der Zeitschrift für Sportpsychologie, 1998 - 2000 Geschäftsführender Herausgeber. Begeisterter Skifahrer und Golfer mit A-Trainer Lizenz Ski alpin. Seit 1987 Betreuung zahlreicher Spitzensportler, Bundesligavereine und Nationalmannschaften in verschiedenen Sportarten.